Kunst-Gedanken
Inhalt:1. E.A.Bauer(04.09.2007): "Die „Kreuzwegstationen“
2. Werner Toegel(01.03.2009): Einführung in die Ausstellung „Gemalte Assoziationen“ von Ernst Alexander Bauer
1. E.A.Bauer(04.09.2007): Die „Kreuzwegstationen“,
ihre gedanklichen und künstlerischen Hintergründe in meiner Arbeit
Kreuzwegstationen sind Teil eines alten katholisch-christlichen Brauchtums. Im Mittelpunkt steht das Anliegen, die letzten Tage des Jesus von Nazareth, sein Leiden und Sterben für den Gläubigen nacherlebbar zu machen. Insofern zielen sie auf religiöse Gefühle und diese wiederum wirken auf die Art des Umgangs mit den religiösen Objekten zurück.
Da ich zu dieser katholisch-volkstümlichen Tradition keine vom Gefühl getragene Beziehung entwickeln kann, andererseits aber von der Ernsthaftigkeit beeindruckt bin, mit der bis heute viele Katholiken die Kreuzweg-Tradition pflegen, möchte ich mich dieser nähern, indem ich die Szenenfolge ohne ihren religiösen Kontext als Handlungssequenzen interpretiere, in die ich grundlegende Metaphern menschlichen Fühlens und Handelns hineinprojizieren kann. Dabei bemühe ich mich um ein Höchstmaß an Subjektivität.
2. Werner Toegel(01.03.2009): Einführung in die Ausstellung „Gemalte Assoziationen“,
von Ernst Alexander Bauer, Vernissage am 1.3.2009, Gemeindehaus St. Jobst
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
eine wunderbare Ausstellung, betrachterfreundliche Formate, ansprechend präsentiert. Lebhafte Farben, die einen anspringen, die Aufmerksamkeit ohne Umschweife einfordern, die sich scheinbar mühelos des Bildformats bemächtigt haben, gelegentlich ein bisschen Pop verbreiten, das Bild aber immer in die richtige Stimmung einschwingen.
Personal, Architekturen, Gegenstände, die einem vertraut erscheinen und also nichts Problematisches für uns bereithalten – vermeintlich!
Die Betonung von Linie und Kontur: Ein Hauch von Comic setzt rhythmische Grafik-Riffs und stellt uns auf Bekanntes ein: Ah ja, hier soll uns was erzählt werden – vermeintlich!
Denn: Bleiben wir gleich beim Verhältnis zwischen Farbe und Linie. Wir lernen, dass die Kontur verhindern soll, dass sich die Figur, die Person mit ihrer Farbigkeit zu sehr in ihrer Umgebung auflöst. Hier dagegen entsteht ein Collage-Effekt, der bewusst einzelne Figuren oder Personengruppen von anderen hart abgrenzen soll. Abgrenzung ist eine Beziehungssache, z.B. aktiv verweigerte Beziehung oder - etwa als Resultat davon - ein in Kauf genommenes unreflektiertes Nebeneinanderher usw. Innerhalb der Gruppen lässt sich innige Zuwendung und Konzentration beobachten.
Die Linie, der harte Schnitt, die Abgrenzung lassen ein Raum-Zeitgefüge wie bei einer Erzählung nicht zu. Es ergibt eher eine Art negative Erzählstruktur. Und vielleicht gerade deswegen tauchen die Fragen auf und es gibt deren viele und man versucht Antworten zu finden - ebenfalls viele.
Beziehungen zwischen Menschen – das lädt förmlich zum Psychologisieren ein! Und wenn man noch dazu weiß, dass der Künstler nicht nur Kunst und Kunstge-schichte sondern auch Psychologie studiert hat – und wenn man ihn näher kennt und ihn häufig als typischen Kopfmenschen erlebt hat, der, nach seiner Lieblingsbeschäftigung gefragt, antwortet: „Einfach in Ruhe dasitzen und denken“, dann sollte man meinen, dass die Bilder das Psychologische nur so verströmen – aber: Fehlanzeige!
Gerade das Fachwissen setzt ihn in Stand, alles Prätentiöse, Ostentative zu vermeiden, die Gesten und Regungen minimalistisch zu halten; es gibt keine Deutungshoheit. Der Betrachter soll – das Bild quasi nachschaffend – zu eigenen Ein- und Aussichten kommen.
Es handelt sich um Ideen- oder Gedankenmalerei. Der Ausgangspunkt ist eine Vorstellung – von einer Familie beispielsweise. Das kann eine relativ geschlossene Idee sein – der Bildfindungsprozess ist ein offener, sodass viel Assoziatives einfließt und sich die Figuren mehr oder weniger symbolisch aufladen können.
Wie nun? Freistil oder Engführung – Assoziation oder Analyse?
Es gibt die inhaltliche Klammer, die das zusammenhält: Sie besteht aus dem grundlegenden Verhältnis, in dem Menschen leben. In diesem sind Beziehungen möglich, und diese bringen mit sich, dass sich etwas ereignet – Liebe, Ignoranz, Zusammenbruch. Mir wurde dies als erstes und eindringlich beim Betrachten der Kreuzwegthemen bewusst.
Die Vorgeschichte zu diesem Thema:
Bei Haidmühle, einer besonders einsamen Gegend im Bayernwald, gibt es eine kleine ehemalige Dorfkirche, in der sich 14 Bildtafeln mit den Kreuzwegstationen befinden. Beim Vergleich mit barocken Darstellungen aus dem Schwäbischen, sowie mit themengleichen Bildern auf der Insel Krk, fiel Alexander Bauer auf, wie exakt gleich die Ikonographie bei allen Kreuzwegen war; quer durch Europa!
Der Anlass für die Auseinandersetzung war hiermit gegeben; der Auseinandersetzung mit der Passionsfrömmigkeit des Franz von Assisi, mit einem Bernhard von Clairvaux, der beschloss, dass es an der Zeit sei, den Christenmenschen mit der Leidensgeschichte Jesu zu konfrontieren. Mit all seinen Affekten sollte der Gläubige mitleidend auf einer mystischen Via Sacra schreiten. Die zentrale Botschaft ist: Jesus wird zum Lamm Gottes; er trägt die Schuld der Welt; er wird zur Schlachtbank geführt.
Schauen wir uns an, wie das auf den Bauer’schen KW-Stationen vor sich geht:
Fast das gesamte Personal ist zeitgenössisch - Aktualierungen „Ja“, Illustration „Nein“. Der Protagonist wird von wechselnden Darstellern gespielt.
Die Personengruppen im Vordergrund sind offenbar an dem heroischen Vorgang nicht interessiert. Ihre eher belanglosen Interaktionen beanspruchen jedoch unsere Aufmerksamkeit. Einige Figuren sind Zitate aus der Kunstgeschichte; sie bringen ablenkende Ironie ins Spiel. Gerade sie tragen dazu bei, das Tragische in den Hintergrund zu bannen, Jesus von der Bildgesellschaft zu entfremden. Pathos fehlt bis auf eine Ausnahme: Der vor dem Fenster patrouillierende Hitler in Rüstung und Lächerlichkeit – wenn’s nicht so schlimm wäre.
Jesus bekommt auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte die Hilfestellung, die notwendig ist. Dies geschieht mit nüchternem Interesse. Dazu bedarf es weniger Hände. Der Rest ist einfach nicht zuständig; er muss sich nicht kümmern.
Aber ist denn das normal?
Selbstverständlich geht die Geschichte des Opfers bedeutend weiter zurück in die Kulturgeschichte der Menschen als das Christentum. Im Wesentlichen ging (und geht) es darum, frei zu werden von Angst. Man entwickelte also ein Tauschgeschäft: Man opfert etwas, was einem lieb und wert ist und erhält im Gegenzug die Wohlgesinntheit und den Schutz einer wohlwollenden Instanz. Mit zum Tausch gehört auch, dass das schlechte Gewissen dem Opfer gegenüber Absolution erhalten kann.
Thomas Hobbes ersetzt den Begriff der Angst durch den der Furcht. Im „Leviathan“ erklärt er die Entstehung von Religion als Ausgeburt von Furcht vor unverständlichen natürlichen Ursachen, die der Mensch in seiner Vorstellung durch unsichtbare Mächte ersetze. Sein Leviathan, der Staat also, ist zu fürchten, verspricht den Menschen aber gleichzeitig Freiheit von Furcht.
Gott schloss einen Bund mit uns und dessen Bestandteil ist das Opfer seines Sohnes. Es bewirkt, dass wir frei von Schuld, Furcht und Angst sein können, und die Menschen auf den Bildern sind es.
Okay, das Allgemeingültige, das grundlegende Verhältnis, ist erfüllt, eingelöst und trotzdem stimmte es mich nicht zufrieden. Es fehlt doch etwas. Es fehlt mehreres; zum Beispiel Emphatie, um nur das naheliegende zu nennen, die mitfühlendes Beachten voraussetzt. In den Bildern ist aber noch nicht einmal Häme zu beobachten!
Der Autor und Philosoph Hans Dieter Jünger spricht davon, dass der Glaube an den neuen Menschengott auch den Glauben an die Auserwähltheit einschließt und das übernatürliche Vermögen zum „Ganz-gut-sein“ des Menschen. Das verpflichtet doch zu einigem, und eins ist sicher: Schon hätten wir hier eine neue Tür aufgestoßen um noch tiefer einzusteigen in Theologie und Philosophie. Ich unterlasse das, da ich mich eh schon auf dünnem Eis bewege.
Stattdessen sei eine Assoziation zur jüngeren Zeitgeschichte erlaubt:
Die Montagsdemos zum Ende der DDR in Leipzig. Die Initiatoren der Demos, die Foren und Bürgerrechtler waren sich bewusst, dass sie und alle anderen sich in einem quasi rechtsfreien Raum begeben, sich ausgesetzt und ungeschützt machen (man konnte nicht wissen, wie die Staatsmacht reagiert). Wer sich so aussetzt ist potentielles Opfer. Als dann alles überstanden war und freie Wahlen stattfanden, erlebten diese Menschen, die ja als Bündnis wählbar waren, eine erschütternde Marginalisierung!
Ganz genau so wie auf diesen Bildern. Ziemlich medioker, diese Herrschaften, es sind natürlich die gleichen, die nichts anzufangen wissen mit dem, was aus dem Füllhorn der „Brunnennymphe2“ auf sie herabkommt.
Damit komme ich abschließend zu ein paar kurzen Bemerkungen zu anderen Bild-gruppen:
Die „Brunnennymphe vom Aufseßplatz“ auf schillerndem, prächtigen Sockel!
Für mich die Allegorie des kulturellen Überbaus: Das Gute, das Schöne, und das Wahre als das Kulturangebot des Staates – im Gesellschaftsvertrag des Staates mit eingepreist. Die Frage scheint nur, ob die eingehegte Sorglosigkeit dazu angetan ist, die Empfindsamkeit, die Sinne zu schärfen für dieses Angebot. Jeden Tag um Mitternacht, wenn die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten die Büchse der Pandora etwas öffnen und den einen oder anderen Zweifel oder Aufreger herauslassen, schlafen wir alle friedlich.
Genug gekrittelt und gedeutelt, es ist nicht alles hoffnungslos, am Ende klappt es ja doch mit der Kultur, wir müssen nur das Fenster ein klein wenig offen lassen. Aus dem bisherigen ergibt sich völlig eindeutig, dass das Machen von Kunst alles andere ist als eine Lieblingsbeschäftigung; da steht zuviel auf dem Spiel.
Andererseits haben wir bei anderen ausgestellten Bildern das Mittel der Ironie, das Vergnügen an der Opulenz der Farbe, die Lust darauf ein bisschen wie Magritte zu sein, ein Spiel mit dem Surrealen zu treiben, ein Augenvergnügen für Sie, meine Damen und Herren! Und nicht zu vergessen die „Hommage an Edward Burne-Jones“.
Hierzu bietet es sich an, den Künstler selbst zu befragen.
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